Montieren heißt…

interpretieren,
anordnen,
erzählen,
artikulieren,
verstehen,
hinterfragen,
bewerten,
auslassen,
vertrauen,
rhythmisieren,
entdecken,
kritisieren,
suchen,
fühlen,
finden,
sich einlassen,
sortieren,
erschaffen, Read the rest of this entry »

Vom Sagen und Fragen

“Bei der Produktion von Gedanken ist das Bewusstsein auf bestimmte Gehirntätigkeiten angewiesen, aber die Gehirntätigkeiten sind nicht die Gedanken!”

(G. Kneer und A. Nassehi, Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 62, Wilhelm Fink GmbH & Co Verlags AG, Paderborn 1993)

Das Sichtbare ist nicht das Unsichtbare und das Unsichtbare ist nicht das Sichtbare. In der Filmerfahrung bedingen sie aber einander. Wir nehmen das Sichtbare wahr, erleben aber das Unsichtbare. Der Film besteht aus dem, was ist – dem Sichtbaren. Und da beginnt das Problem.

Bei Screenings, die sich an ein spezifisch Montageinteressiertes (Fach-) Publikum wenden, kann ein interessantes Phänomen beobachtet werden: Die anschließende Fragerunde gestaltet sich höflich zurückhaltend und kommt meist schwer in Gang. Es dauert dann nicht lange, bis die erste Frage nach der Länge des Rohmaterials gestellt wird; oder auch nach der Zeit, die der Montageschaffende im Schnittraum verbracht hat oder (wenn‘s schlimm kommt) die beim Dokfilm allseits beliebte Frage danach, wie es den Protagonisten heute denn gehen würde…
Diese Fragen sind vergleichbar wie das Reden über das Wetter. Man weiß nicht worüber man reden/fragen soll und versucht, so erstmal eine Kommunikation in Gang zu setzen. Es ist einfacher etwas über Montage zu sagen als danach zu fragen. Warum? Read the rest of this entry »

Montage & Gender – Selbstbeobachtung

Bei dem folgenden Text handelt es sich um meinen Vortrag zur Tagung “Screening Gender” der DGPuK gehalten am 23. September 2011 in Potsdam:

Montage dekonstruiert. Montage interpretiert und schlussendlich: Montage konstruiert. Sie konstruiert Handlung durch Entscheidung für das Eine und das Weglassen des Anderen; durch Anordnung und Assoziation der Elemente in wechselseitiger Beziehung. Mittels Konstruktion von Handlung konstruiert sie Charaktere in der Handlung. Sie schöpft aus einem begrenzten Fundus von Möglichkeiten – dem Material. Sie konkretisiert und verdichtet dieses zur Form der filmischen Erzählung. So öffnet sie aber gleichzeitig durch eben diese Schließung von Anschlussmöglichkeiten wiederum einen Raum für Interpretation und Auffüllung. Öffnung durch Schließung. Sie konstruiert so auch Rollenbilder, greift auf Erfahrung zurück und ermöglicht den Zugang zu Neuem. Die Montage steht immerzu vor der Frage: Wieviel ist nötig? Read the rest of this entry »

Bauchgefühl

“It’s a little bit funny – this feeling inside.”

(The Duke, DVD “Moulin Rouge”, 40. Min, 2002, 20th Century Fox Home Entertainment, Montage: Jill Bilcock)

Dieses kleine Zitat aus Baz Luhrmanns Musicalfilm benennt etwas, das zugleich erklärend und verwirrend für das Verständnis eines Montageprozesses ist: das Gefühl. Es ist zentral und umfassend in seiner Bedeutung für den Editor. Für Aussenstehende schwer zu greifen – etwas mysteriöses und sich verschließendes. Das Wort “Bauchgefühl”  fällt besonders häufig während des Schnitts, in Gesprächen unter Montageschaffenden oder auch bei Festivals, wenn Editoren ihre Arbeitsweise an den präsentierten Filmen erläutern. Auch von Seiten der Regie gibt es nicht wenige Statements über das besondere Gefühl, das “ihr” Editor im Verständnis des Materials an den Tag legte. Böswillig könnte man nun behaupten, dass diese Wortwahl eine Flucht ins Unkonkrete, ins Unverbindliche darstellt. So verschwommen wie das Verständnis der Montage in der Öffentlichkeit ist der Prozess für den Editor in seiner Beschreibung. Man macht sich sicherlich in gewisser Hinsicht auch unangreifbar, wenn man von seinem “Bauchgefühl” spricht. Etwas Ureigenes; etwas nicht Nachprüfbares. Man erschafft sich eine Aura der künstlerischen Erhabenheit. Nur nicht weiter darüber sprechen oder nachdenken. Schön, wenn es so einfach wäre – Ist es aber nicht. Read the rest of this entry »

Perspektivwechsel

“Man vergisst, dass das, was für einen selbst funktioniert, noch lange nicht bei jedem anderen funktionieren muss. Dann passiert es, dass man kritisch den außenstehenden Kritikern während des Arbeitsprozesses gegenübersteht und unkritisch den möglichen Schwächen einer Geschichte. Eine Form des blinden Flecks.”

(Stephan Vorbrugg in “Filmschnitt Bekenntnisse”, B. Ottersbach und T. Schadt (Hg.) Konstanz, 2009, S. 260, UVK Verlagsgemeinschaft mbH)

Sich “frei machen” – beim Doktor eine unangenehme Sache. Im Leben ist dieser Schritt immer mit einem Aufgeben des Alten und einer Offenheit gegenüber Neuem verbunden. Das schüttelt man in der Regel nicht so einfach aus der Hand. Etwas hinter sich zu lassen bedeutet auch eine Sicherheit aufzugeben, sich eben einer schützenden Kleidung zu entledigen. Die Vergangenheit ist konkret. Eine Zukunft immer ungewiss.
Im Montageprozess stößt man früher oder später auf Probleme der selbst erschaffenen (sprich montierten) Erzählung. Und an diesen Punkten sollte man sich auf der Suche nach Lösungswegen nicht selbst im Weg stehen. Man liest oft, dass Editoren sich im weitesten Sinne als den ersten Zuschauer begreifen: mit dem ersten unvoreingenommenen Blick aufs Material und dem ersten prüfenden Blick auf die zahlreichen Schnittversionen. Dabei schlüpft man in die Rolle eines Stellvertreters für das Publikum. Was sich ganz locker anhört ist ein komplexeres Problem. Wie kann man denn aus seiner Haut? Wie kann man sich anmaßen, andere Perspektiven jenseits der eigenen annehmen zu können? Kann das überhaupt funktionieren? Read the rest of this entry »